Peter Stamm, der Autor des Romans „Agnes“, spricht im Stuttgarter Hospitalhof am 24.1.18 vor Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 2 des Heinrich-von-Zügel-Gymnasiums Murrhardt über seinen Debütroman, der von einer komplexen Liebesbeziehung handelt.

„Warum die Liebe im Abitur immer scheitern muss – wie soll ich da eine Familie gründen?“, wirft Timo Brunke, Stuttgarter Sprachkünstler, in seinem Beitrag im Vorprogramm zu Peter Stamm in den Raum und macht die Bühne frei für den Schweizer Autor, der sich den Fragen von Anja Brockert von SWR2 stellt. Mit seiner Einschätzung, der Roman solle die Welt so erzählen, wie sie ist und nicht wie sie sein soll, weist Stamm dezent darauf hin, dass der Roman „Agnes“ durchaus auch die Augen für das eigene Leben öffnen könne und zu berücksichtigen sei, dass sechs der neun Monate, die die Protagonisten seines Werkes miteinander verbringen, glücklich seien. „Glück malt man mit Punkten“, weiß auch die Protagonistin Agnes. Glück sei uninteressant und unspannend, weiß Peter Stamm, der dann doch recht lebensweltlich auf den Beziehungsstaus „Es ist kompliziert“ bei Facebook aufmerksam macht und obwohl er es vehement von sich weist, ein ganz kleines bisschen wie der Erzähler aus seinem Roman klingt, welcher resümiert: „Glück macht keine guten Geschichten“.

Dass Stamm eine gute Geschichte gelungen ist, macht die Auswahl des Romans als Sternchenthema für das Abitur in Baden-Württemberg deutlich, was Stamm selbst mit einer Prise trockenem Humor abtut, da die Alternative zum Literaturunterricht wohl nur der Grammatikunterricht sei. Die systematische Sprachbetrachtung ist Stamm selbst tatsächlich nicht fremd, in dessen Roman kein Wort zu viel scheint. Er selbst beschreibt die Sprachlosigkeit der beiden Protagonisten aus „Agnes“ als Bild einer Schwierigkeit, Dinge auszusprechen. Dass auch Stamms Schreiben einer Systematik unterliegt, macht seine Antwort auf die Frage nach dem Masterplan des Schreibens deutlich, wenn er davon berichtet, dass Schreiben Forschungsarbeit sei, er während des Schreibens nie wisse, was im nächsten Kapitel passiere, aber immer mit dem ersten Satz beginne und seine Figuren erst beim Schreiben so richtig kennenlerne, wenn sie in seinem Kopf lebendig werden. „Du wirst aus meinem Kopf neu geboren wie Athene aus dem Kopf von Zeus, weise, schön und unnahbar“, meint aber auch wieder der Ich-Erzähler aus „Agnes“, wenn er von dem Portrait, das er über Agnes schreibt und in dem er Agnes zu sehr auf sein Wunschbild von ihr festlegt, spricht.

„Wir leben in Bildern und lassen uns von ihnen beeinflussen“, resümiert Stamm, um mit einem Augenzwinkern seine „Agnes“ dem Genre „Facebookroman“ zuzuschlagen. Während der ganzen Veranstaltung ist Stamm so nahe am Horizont der Schülerinnen und Schüler, denen er auch von seinen Fehlgriffen berichtet, als er beispielsweise nach dem Erscheinen der ersten Auflage von „Agnes“ von seinem ehemaligen Lehrer auf Unstimmigkeiten bei der Beschreibung der Sterne hingewiesen wird und die Doktorarbeit seines Physiklehrers zwar als Inspiration für die Arbeit, die die Protagonistin Agnes schreibt, benutzt, das Ganze aber nur kurz verstanden habe. „Es war eigentlich ganz gut“, meint eine Schülerin des Heinrich-von-Zügel-Gymnasiums am Ende der Veranstaltung, was eines deutlich macht: Obwohl Stamm nicht alle offenen Fragen beispielsweise nach dem tatsächlichen Tod von Agnes abschließend beantwortet und nicht den Interpretationsschlüssel für sein Werk liefert, präsentiert er sich und seine Figuren als Menschen, mit denen man sich auch oder gerade in ihrem Scheitern identifizieren kann.