Am Dienstag, den 27. Juni, war die Christoffel-Blindenmission im Rahmen des Compassion-Projekts am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium.

Die Murrhardter Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 30.06.2017:

„Krasse“ Erfahrungen mit der Blindenbrille -

Erlebnismobil der Christoffel-Blindenmission im Murrhardter Gymnasium: Schüler durchlaufen Parcours mit dem Stock

Wie fühlt es sich an, wenn man nichts oder nur sehr schlecht sieht? Im Erlebnismobil der Christoffel-Blindenmission konnten Schüler des Heinrich-von-Zügel-Gymnasiums am eigenen Leib erfahren, welche Schwierigkeiten Menschen mit einer Sehbehinderung haben und wie man sie bewältigt. Die Sensibilisierungsaktion fand im Rahmen des jährlichen Compassion-Projekts statt.

Von Annette Hohnerlein

MURRHARDT. „Bist du behindert oder was?“ Eine Auseinandersetzung, eine Rempelei auf dem Schulhof, und schon fällt dieser Satz. Nicht schön für den, der ihn zu hören kriegt, und noch viel weniger schön für einen Menschen, der wirklich mit einer Behinderung leben muss.

Eine solche Szene steht am Anfang des Films, mit dem die Schüler der achten, neunten und zehnten Klassen des Murrhardter Gymnasiums an das Thema Inklusion herangeführt wurden. Darin erläutert der bekannte Berliner Aktivist Raul Krauthausen, der wegen seiner Glasknochenkrankheit auf den Rollstuhl angewiesen ist, den Begriff: „Inklusion bedeutet, dass alle dazugehören.“ Voraussetzung dafür sei, die menschliche Vielfalt anzunehmen und zu bewältigen. Immerhin lebten rund eine Milliarde Menschen weltweit mit einer Behinderung. Gezeigt wird Krauthausens Arbeit als Botschafter der Christoffel-Blindenmission (CBM) in Bangladesch. Die CBM ist eine der größten deutschen Organisationen der Entwicklungshilfe und in rund 60 Ländern aktiv.

Nach dem Film hatten die Schüler die Gelegenheit, in die Rolle eines Menschen mit einer starken Sehbehinderung zu schlüpfen. Im Erlebnismobil auf dem Schulhof bekamen sie von Ottfried Sannemann von der CBM eine Brille aufgesetzt, die das Sehvermögen eines Menschen mit grauem Star simuliert. Mit ihr nimmt man seine Umgebung nur stark verschwommen und schemenhaft wahr, es ist eher ein Erahnen als ein Sehen. Dann bekamen die Schüler einen sogenannten Langstock in die Hand und mussten einen Parcours im Inneren des Fahrzeugs durchlaufen, der sich über zehn Meter erstreckt. Unsicher und mit kleinen Schritten erkundeten die Jugendlichen mit dem Langstock in der einen Hand den Weg, mit der anderen Hand tasteten sie sich an der Wand entlang und erfühlten verschiedene Materialien wie Holz, Metall, Fliesen oder eine Pflanze. Eine Treppenstufe, eine enge Kurve, eine Mülltonne, die im Weg steht – alles echte Herausforderungen, wenn das Augenlicht wegfällt und die Hindernisse nur mithilfe des Hör- und Tastsinnes bewältigt werden müssen. Da wird der Gang durch einen Fliegenvorhang aus Bast zum unheimlichen Erlebnis, weil man nicht sieht, was einem da übers Gesicht streift. „Alter, ich hab gar nichts gecheckt“, lautete der Kommentar einer Schülerin beim Verlassen des Mobils. Ähnliche Erfahrungen machte Peggy Bauer, die als Lehrerin das Compassion-Projekt mitorganisiert: „Krass! Ich kam nicht um die Ecke rum.“

CBM-Mitarbeiterin Vera Sedlak hat die Schüler anschließend nach ihren Eindrücken gefragt. „Es war ungewohnt, aber gut, das mal zu erfahren“, so das Fazit einer Zehntklässlerin. Eine Klassenkameradin erzählte: „Ich bin voll gegen die Palme gelaufen.“ Nachdem die Schüler am eigenen Leib erlebt hatten, mit welchen Schwierigkeiten Menschen mit einer Sehbehinderung konfrontiert sind, erfuhren sie, welche Hilfsmittel es gibt, um mit den Problemen besser zurechtzukommen. Vera Sedlak demonstrierte beispielsweise den Gebrauch eines Geldmessers, einer kleinen Plastikkarte, an die Geldscheine oder Münzen angelegt werden. So kann deren Wert in Blindenschrift abgelesen werden. Damit ein Sehbehinderter sich selbst ein Getränk einschenken kann, gibt es Becher, die ein Geräusch von sich geben, wenn sie voll sind.

In der Öffentlichkeit präsenter sind Blindenhunde, Ampeln mit Tonsignal oder die Blindenleitsysteme an Bahnhöfen in Form von genoppten Linien auf dem Boden. Daneben gibt es eine ganze Reihe von Smartphone-Apps, die Hilfe in den verschiedensten Alltagssituationen leisten können. Die Möglichkeiten reichen von der Sprachausgabe der Bildschirminhalte über eine Farberkennungs-App für die morgendliche Kleiderwahl bis zu einer Anwendung, die bei einem Kinofilm akustische Unterstützung bietet. Auch hier waren Selbstversuche angesagt, und so konnten die Schüler verschiedene Spiele wie ein Horch-Memory, ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel mit tastbaren Feldern und einen Fußball mit integrierter Rassel ausprobieren.

Das Compassion-Projekt am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium dient dem sozialen Lernen und findet seit 2004 jedes Jahr für die Schüler der neunten Klassenstufe verpflichtend statt. In angeleiteten Workshops und einem einwöchigen Sozialpraktikum in Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe kommen die Schüler mit Menschen in ganz verschiedenen Lebenslagen in Kontakt. Dieses Engagement wurde in diesem Jahr von der Stiftung Bildung und Soziales der Spardabank Baden-Württemberg mit einem Fördergeld von 500 Euro honoriert. Peggy Bauer hofft auf weitere Spenden, die es ermöglichen, einen sogenannten Alters-Simulationsanzug anzuschaffen. Dieser 1800 Euro teure Spezialanzug mit eingenähten Gewichten vermittelt seinem Träger ein Gefühl dafür, wie sich Bewegungen im fortgeschrittenen Alter anfühlen.