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Der Freundeskreis und der Elternbeirat des Heinrich-von-Zügel-Gymnasiums veranstalteten in Kooperation mit der Volkshochschule Murrhardt am Donnerstag, den 2. Februar 2017 einen Workshop zum Thema Mobbing/Cybermobbing.

Die Murrhardter Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 10.02.2017:

Mobbingopfer werden kann jeder

Anke Ebner erarbeitet bei einem Workshop in Murrhardt mit Lehrern, Eltern und Fachkräften grundlegendes Wissen zum Thema

Ein Junge wird von einem Mitschüler herumgeschubst, es kommen weitere Jugendliche dazu, schließlich nimmt der Angegriffene die Beine in die Hand und flüchtet zur Schule. Es wird eine weitere Szene geben, in der er nicht mehr entkommt. Der Film „Schulweg in die Angst“ erzählt in eindrücklichen Bildern sowie Interviews mit einem betroffenen Schüler und seinen Eltern, was Mobbing bedeuten kann.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Die 26 Teilnehmer haben sich ein ernstes Thema ausgesucht. Das Seminar mit Anke Ebner, Präventionsbeauftragte des Regierungspräsidiums Stuttgart, nimmt neben dem herkömmlichen auch Cybermobbing in den Blick. Die Leiterin ist nicht nur systemische Beraterin, sondern auch selbst Lehrerin in Stuttgart, kann also immer wieder Bezüge zum Schulalltag herstellen. Mit ihr in der großen Runde sitzen Kollegen aus unterschiedlichen Schulen in Murrhardt, Eltern, Schülersprecher sowie in der Erziehung und Schulsozialarbeit Tätige, die der Einladung des Freundeskreises am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium gefolgt sind, beim Workshop dabei zu sein.

Nach einer ersten Kennlernübung schlägt Anke Ebner den Bogen zum Thema und fragt die Teilnehmer nach ihren Erfahrungen in der fünften Klasse. Schnell wird deutlich: Entscheidend für ein Sichwohlfühlen in der Schule ist das soziale Umfeld. „Ich hab bewusst nach der fünften Klasse gefragt, der Schulwechsel ist ein empfindlicher Zeitpunkt, an dem Mobbingprozesse entstehen können“, sagt sie.

Die nächste gemeinsame Übung ist eine Art emotionale Reise ins Thema: Die mexikanische Welle. Alle außer einer Person setzen sich in einen Stuhlkreis, in dem ein Platz leer bleibt. Den muss der Mann oder die Frau in der Mitte ergattern, was der Rest der Gruppe durch ein schnelles Weiterrücken auf den Stühlen zu verhindern versucht. Derjenige, bei dem es gelingt, muss den Spieler im Zentrum ablösen. Die Rückmeldungen lassen sich gut auf den Mobbingprozess übertragen: „Alle blicken einen an, lachen und schauen einem beim Scheitern zu“, „Es hätte vermutlich lange gedauert, bis ich abgebrochen hätte“ und „Ich hab versucht, mir eine Taktik zu überlegen, aber irgendwann ist man frustriert“ berichten die Einzelkämpfer. Aus der Gruppe heißt es: „Ich hab Mitleid mit den Einzelnen in der Mitte empfunden, aber weitergemacht, weil es zum Spiel gehört“, „Ich hatte Angst, selbst in die Mitte zu müssen“, „Wenn ich helfe, bin ich selber dran“. Anke Ebner ergänzt um die Aspekte Identitätsstiftung für die Gruppe und Verantwortungsdiffusion (wachsende Gruppengröße kann dazu führen, dass bei Konflikten oder dramatischen Ereignissen niemand eingreift).

In Kleingruppen werden zentrale Punkte des Begriffs erarbeitet. Man spricht erst dann von Mobbing, wenn die Ausgrenzung, die seelischen und/oder körperlichen Verletzungen über einen längeren Zeitraum geschehen. „In der Literatur ist das ein halbes Jahr“, sagt die Fachfrau. Hinzu kommt das Machtungleichgewicht „viele gegen einen“. Anders als bei Konflikten beispielsweise zweier Gruppen, die sich gegenüberstehen, kann es bei Mobbing nach Anke Ebener keine Einigung geben, zielführend sei nur eine Intervention. Umgekehrt ist es so, dass sich Mobbing aus einem ungelösten Konflikt entwickeln kann. „Deshalb ist es so wichtig, dass wir unsere Schüler befähigen, Konflikte gut zu lösen.“ (Stichworte sind Streitschlichter, Klassenrat oder Mediation.) Dass Mobbing oft erst auf einer höheren Eskalationsstufe erkannt wird, liegt für die Präventionsbeauftragte an strukturellen Gründen und am Phänomen selbst: Große Klassen, Fachlehrer, die nicht so engen Kontakt zu den Schülern haben, Akteure, die im Hintergrund wirken, eine Klasse und ein Betroffener, die schweigen. In einer weiteren Übung, bei der sich die Teilnehmer in die unterschiedlichen Rollen – vom Betroffenen, seinen Eltern, über Lehrer und Mitschüler bis hin zu Akteur und dessen Eltern – hineinversetzen, wird die große Hilflosigkeit der Beteiligten spürbar. Ein zentraler Punkt für die Leiterin ist die Botschaft: „Es gibt keinen bestimmten Opfertypus, jeder kann Opfer von Mobbing werden.“ Anke Ebner zitiert Professorin Mechthild Schäfer, die auf dem Gebiet geforscht und nur eine Gemeinsamkeit der betroffenen Kinder und Jugendlichen gefunden hat: „Sie werden in einem Moment der Schwäche erwischt, beispielsweise bei einem Umzug, dem Eintritt in eine neue Klasse oder aufgrund persönlicher Probleme.“ Wichtig ist ihr, dass ihnen keine Schuld zugewiesen wird. Zu den Tätern merkt sie an, dass diese einerseits Macht und Einfluss zu gewinnen versuchen, andererseits oft selbst Schwächen kompensieren.

Eltern rät sie, im Falle eines Verdachts bei ihrem Kind behutsam nachzufragen und sich bei Bestätigung an die Schulleitung beziehungsweise pädagogisch-psychologisch geschulte Beratungslehrer/ Fachkräfte wie Schulsozialarbeiter zu wenden. Ebenso ruft sie die Lehrer dazu auf, sich immer wieder zu hinterfragen („manchmal unterstützen wir Mobbing ungewollt, beispielsweise, indem wir Spitznamen verwenden oder Geschwisterkinder ähnlich wie ihre Brüder oder Schwestern einordnen“). Auch thematisiert sie die Vorbildfunktion Erwachsener, sich im Alltag bei Vorfällen einzumischen und Empathie zu zeigen. „Das heißt, sich zu überlegen, ob man couragiert reagiert hat oder wie man über seine Nachbarn redet. Ich weiß, dass es schwer ist, immer zu reagieren, es ist trotzdem wichtig, dranzubleiben, und ich glaube, dass die Wirkung auf Kinder groß sein kann.“

Beim Schritt zum Thema Cybermobbing wird deutlich, dass die Prozesse ähnlich ablaufen, durch das Medium Internet beziehungsweise Smartphone aber noch einmal an „Schärfe zunehmen“. Das hat vor allem damit zu tun, dass bei den beleidigenden und demütigenden Nachrichten nicht klar ist, wer dahintersteckt, die Anonymität die Hemmschwelle senkt, der Kreis der beteiligten Gruppe schnell große Dimensionen annehmen kann und der Betroffene keinen Rückzugsort mehr hat. „Eine Studie kommt auf 40 Prozent von Kindern und Jugendlichen, die schon einmal über das Netz fertiggemacht worden sind“, sagt Anke Ebner. Eine andere Erhebung schätzt, dass 30 Prozent Erfahrung mit Cybermobbing haben. Mädchen sind stärker betroffen, da „sie sich noch häufiger in sozialen Netzwerken bewegen“. Auch auf diesem Gebiet gibt es bestimmte Empfehlungen wie „nicht zurückschreiben“, „Beweise sammeln“ und bei Cybermobbing im Schulumfeld – Lehrer informieren.

Anke Ebner gibt den Teilnehmern zum Schluss noch mit auf den Weg, dass es auf professioneller Ebene einen Ansatz gibt, auf den sie große Stücke hält und den sie selbst praktiziert: Den No-BlameApproach. „Man arbeitet mit Tätern, Mitläufern und potenziellen Helfern zusammen, es geht nicht um Bestrafung, sondern darum, dass der Täter ohne Gesichtsverlust aus der Situation aussteigen kann“, so die Kurzzusammenfassung.