Am Mittwoch den 7. Dezember 2016 fand der diesjährige Vorlesewettbewerb in der Stadtbücherei Murrhardt statt. Nils Bihler und Annabell Devrikis lieferten dabei tolle Leistungen ab. Herzlichen Glückwunsch!

Die Murrhardter Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 10. Dezember 2016:

Der Kommissar und das Meerschweinchen

Von Christine Schick

Murrhardter Gymnasium veranstaltet das erste Mal seinen Vorlesewettbewerb mit der Stadtbücherei – Nils Bihler hat die Nase vorn

Jutta Brasch richtet seit Jahrzehnten Vorlesewettbewerbe aus. Die Leiterin der Stadtbücherei hat in der Sache eine klare Haltung: „Alle, die zum Wettbewerb kommen, sind schon Sieger.“ Für sie geht es also weniger um den expliziten Wettkampf, sondern vielmehr darum, sich mit Sprache, den Geschichten und den Fähigkeiten zu befassen, die entscheidend sind, um beim Vortragen die Idee(n) und Besonderheiten eines Textes vermitteln zu können.

Annabell Devrikis (12) und Nils Bihler (11) sind die jeweiligen Sieger der zwei sechsten Klassen im Heinrich-von-Zügel-Gymnasium. Dass sie sich nun einer größeren Jury mit Jutta Brasch und ihren Kolleginnen Susanne Trescher und Silke Peter sowie ihren Lehrern Bärbel Arnold, Marie Schenk (Referendarin) und Samuel Feinauer in der Stadtbücherei stellen, ist eine Premiere. Angefangen hat alles mit einem Besuch inklusive Führung von Schülern des Gymnasiums. „Wir sind mit den Lehrern ins Gespräch gekommen und haben uns auch über den Vorlesewettbewerb unterhalten“, erzählt Susanne Trescher. Eins kam zum anderen, und Stadtbücherei und Gymnasium haben beschlossen, den Wettbewerb einmal gemeinsam auszurichten.

Ungewöhnlich für das Stadtbüchereiteam ist, dass der vor einem gar nicht so kleinen Publikum stattfindet. Annabell und Nils sind gemeinsam mit ihren Klassenkameraden und Lehrern in die Stadtbücherei gekommen. Einerseits ist das für die beiden Vorleser eine ganz schöne Herausforderung, andererseits meistern sie die nicht nur souverän, sondern üben die Kunst des Vortragens auch unter realen, verschärften Bedingungen. Jutta Brasch macht zwar klar, dass es eine Grundregel ist, jetzt mucksmäuschenstill zu sein, aber ganz gelingt das den jungen Zuhörern nicht.

Spannende Geschichten haben beide Jugendliche mitgebracht. Annabell stellt Martina Dierks’ Jugendbuch „Die fabelhaften Vier – Eine Klasse für sich“ vor, das zu einer Reihe von insgesamt vier Bänden gehört. Bei dem Quartett handelt es sich um Freundinnen, die im Schullandheim mit ihrer Klasse rätselhafte Dinge erleben. Es wird nicht nur ein Tagebuch gestohlen, sondern es geistert auch ein Phantom in den Mädchenduschen herum, und eine viel zu große Portion Chili landet im Essen des Lehrers Specky. Keine Frage, dass die vier Freundinnen sich auf die Suche nach dem Täter machen. Rätsel und Geschichte werden logisch aufgelöst, wenn auch nicht ohne Überraschung, erzählt Annabell. Die Zwölfjährige liest im Anschluss eine turbulente Szene vor, in der der Lehrer mit besagter Chili-Attacke kämpft. Es ist eine Menge los, der Pädagoge muss sich auf ungewohnte Weise sportlich zeigen, und auch die Schüler sind gefordert.

Nils hat sich „Oskar: Vorsicht, klebrig!“ von Jonathan Meres ausgesucht und skizziert die Geschichte. „In Oskars Familie läuft es nicht so gut, sein Papa hat seine Arbeit verloren.“ Zudem hat der junge Held ein Problem: Ein peinliches Foto von ihm taucht im Internet auf, das er scheinbar nur mit Geld auslösen kann. Aber genau dieses Geld hat er nicht. Der Elfjährige liest seinem Publikum eine Szene aus dem Buch vor, in der Oskar Besuch von seinem Cousin bekommt. Sie erzählt nicht nur von typischen Problemen, die einen Jugendlichen plagen können, sondern auch von der Beziehung zwischen den beiden.

Nach der eigenen Buchvorstellung geht es an einen unbekannten Text

Im Anschluss hält Silke Peter das Buch bereit, aus dem die beiden ebenfalls vortragen werden. Im Wettbewerbsfachjargon heißt das „Fremdtext“, weil Geschichte und Abschnitt den Jugendlichen unbekannt sind und sie zeigen müssen, wie schnell sie den Inhalt erfassen und beim Vorlesen interpretieren und gestalten können. „Der Tag, an dem mein Meerschweinchen Kriminaloberkommissar wurde“ von Brigitte Endres ist ein Favorit von Silke Peter und in verschiedener Hinsicht ungewöhnlich und fantasievoll. Die junge Heldin Valentine, deren Eltern ein Bestattungsinstitut führen, ist damit konfrontiert, dass der Geist des toten Kriminaloberkommissars Kilian Kasimir durch einen Unfall – einen Stromschlag – in ihr Meerschweinchen fährt. Da der gute Mann auch noch ermordet worden ist, sieht sich das Mädchen bald in der Pflicht, zu ermitteln. Nachdem Silke Peter zur Einführung selbst ein Stück aus dem Buch vorgelesen hat, übergibt sie an Annabell, später an Nils, der erst mal draußen wartet, damit beide die gleichen Voraussetzungen haben. In der Szene realisiert Valentine nach und nach, dass sich in ihrem Meerschweinchen die Seele des Oberkommissars festgesetzt hat. Es tauchen nicht nur schöne Wortspielereien auf – das Tierchen heißt Bully, und Kasimir glaubt sich als Bulle beschimpft – sondern auch einige Fremdworte wie irreal, Psychiatrie und Schizophrenie, die die beiden Jugendlichen zu meistern haben. Eine gut ausgesuchte Feuerprobe.

Als die Jury sich berät, ist sie sich einig: Nils hat die Nase vorn und einfach noch ein Stück weit besser vorgelesen. Das betrifft die Aussprache genauso wie die Betonung („das macht er toll“) und die Gestaltung des Textes, wobei Nils beim Fremdtext sogar noch mehr punkten konnte als beim eigenen. So wird der Elfjährige beim Kreiswettbewerb im Februar nun das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium vertreten.