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Lebendige Städtepartnerschaft: Schüler des Gymnasiums Murrhardt  treffen Schüler aus Rabka Zdroj

Deutsch-polnische Jugendbegegnung in Kreisau

Darf ich Sie fragen, was  Sie über Polen wissen? Nein, nein, bitte erzählen Sie mir jetzt keinen Polenwitz… Fakt ist doch, dass unser Nachbarland im Osten  vielen von uns nur sehr wenig bekannt ist.

Und wo wenig Wissen ist, dort ist ein guter Nährboden für Vorurteile… oder aber für Neugier, mehr über dieses Land , seine Bewohner und unsere gemeinsame Geschichte zu erfahren.

Und eben darum bieten wir am Heinrich-von-Zügel Gymnasium unseren Schülern der 9. Klasse die Möglichkeit,  zu einer Jugendbegegnung mit Schülern aus unserer Partnerstadt Rabka Zdroj  nach Kreisau zu fahren.

Aber warum treffen wir uns gerade in Kreisau ? Dort auf dem ehemaligen Landgut der Familie von Moltke  fördert das Deutsch-polnische Jugendwerk DPJW in den neu restaurierten Gutsgebäuden   inhaltlich und finanziell internationale Jugendbegegnungen. Schöne Gästezimmer, eine moderne Sporthalle, Tischtennis-  und Billardraum, ein einladender Speisesaal und bestens ausgestattete Tagungsräume auf einem großzügigen Gelände schaffen einen perfekten Rahmen für eine Schülerbegegnung.

„Geschichtslernen ist für uns mehr als Daten, Namen und Ereignisse zu vermitteln. Es geht darum, aus der Geschichte für die Gegenwart zu lernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den nationalen Historiographien zu begreifen, deren Ursachen zu erkennen wie auch verbindende Elemente herauszustellen. Unser Anliegen ist es sowohl das Gedenken an den Kreisauer Kreis als auch die Erinnerung an den Kampf gegen totalitäre Diktaturen des 20. Jahrhunderts in anderen europäischen Ländern wachzuhalten."

Schon die Busfahrt quer durch Deutschland über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze war für die Schüler ein Erlebnis. Beide Lehrerinnen konnten den Schülern ihre persönlichen Erinnerungen und Erlebnisse an dieser unmenschlichen Grenze schildern: Frau Bauer, die in Ostdeutschland geboren und aufgewachsen ist, erzählte den Schülern anschaulich, mit welchen Tricks es ihren Eltern gelang, sich die Baumaterialien für ihr Eigenheim zu beschaffen, von der Atmosphäre der Unsicherheit, welcher Bekannte wohl ein Stasi-Spitzel sein könnte. Frau Samociuk, die einen Onkel in der damalige DDR hatte, erinnerte an die bedrückende Atmosphäre, wenn man als Westbürger an der Grenze befragt und scharf kontrolliert wurde.

Vor Ort trafen wir endlich unsere polnischen Partnerschüler, deren Gesichter uns von den Steckbriefen, die schon seit Wochen im Schulhaus ausgehangen hatten, doch schon etwas bekannt vorkamen. Und dank unserer Vorbereitung konnten wir sie auch mit einem gekonnten „Dzien dobre“ begrüßen. Die polnischen Schüler konnten z.T. etwas Deutsch, sonst lief die Verständigung vielfach  auf Englisch oder 2 unserer Schülerinnen, die Dank ihrer polnischen Mütter zweisprachig sind, machten sich als Übersetzerinnen nützlich.

Geleitet wurden unsere gemeinsamen Tage von Gosia, die neben ihrer Muttersprache  Polnisch auch sehr gut Deutsch sprach , und Natalia, einer jungen Ukrainerin, die zusätzlich zu Russisch auch noch Polnisch, Deutsch und Englisch sprach. Wir waren beeindruckt!

Beiden gelang es über die Tage, durch originelle, gut angeleitete Spiele die anfängliche Unsicherheit zwischen den beiden Gruppen zu beseitigen und eine vertraute, fröhliche Atmosphäre zu schaffen.

Auch ein Sportabend, in dem alle Schüler bunt gemischt mit und gegeneinander Ball spielten, tat sein Übriges, um Berührungsängste abzubauen. Mit  gekonnten Sprachanimationen brachten uns Gosia und Natalia sogar  etwas Polnisch bei! Und natürlich gab es am Abschlussabend auch eine Disko.

Inhaltlich begannen wir damit, das Landgut und seine Geschichte näher kennenzulernen. In national gemischten Gruppen zogen die Schüler los, um Antworten auf die kniffelige Fragen  auf einem Fragebogen zu finden. Auf die Siegergruppe wartete am letzten Abend auch ein Preis!

Berührt hat uns die Brieflesung am Abend im idyllisch gelegenen Berghaus. Bis heute sind die Briefe erhalten, die  Freya von Moltke und ihr Mann Helmut austauschten, als dieser bereits von der Gestapo inhaftiert worden war und auf seine Verurteilung vor dem Volksgerichtshof wartete. Sie sind geprägt von einer großen Liebe zwischen den beiden und gleichzeitig dem großen Mut, für die eigene Überzeugung auch bereit zu sein zu sterben. Helmut Graf von Moltke wurde mit nur 38  Jahren hingerichtet. Seine Frau blieb mit den beiden kleinen Söhnen allein zurück. In einem Brief aus der Haft hinterließ Moltke für seine beiden Söhne seine Motivation zum Widerstand: „Seitdem der Nationalsozialismus zur Macht gekommen ist, habe ich mich bemüht, seine Folgen für seine Opfer zu mildern und einer Wandlung den Weg zu bereiten. Dazu hat mich mein Gewissen getrieben und schließlich ist das eine Aufgabe für einen Mann.“ Als tief religiöser Mensch war er einerseits entschieden gegen das NS-Unrechtsregime, aber auch gegen ein Attentat auf Hitler.

Auch Touristisches durfte auf unserer Reise nicht fehlen. Nur ein paar Kilometer vom Gut entfernt befindet sich die weltberühmte Friedenskirche in  Schweidnitz, die sich seit  2001 auf der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO befindet – und zu recht, wie wir meinen: Wer hätte in diesem großen Fachwerkbau eine Kirche und dazu noch eine mit einer derartig prächtigen barocken Innenausstattung erwartet?

Ein weiteres Highlight war unsere Stadtführung in Breslau. Schon unser Stadtführer repräsentierte in seiner Person die wechselvolle Geschichte dieser Stadt: Eine Pole mit perfektem Deutsch. Die Erklärung: Seine Vorfahren waren z.T. Deutsche, die trotz der Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat in Schlesien   geblieben waren. Bald wurde aber die deutsche Sprache in Schlesien, das nun unter polnischer Verwaltung stand, verboten und auch die deutschstämmigen Bewohner durften nur noch Polnisch sprechen.  Und was er alles über Kunst, Kultur und Geschichte dieser schönen Stadt erzählen konnte! Im Dom konnten wir auch Bilder sehen, wie stark zerstört Breslau am Ende des  2. Weltkrieges war. Nach diesen Bilden konnte man umso mehr schätzen, wie wunderbar es heute wieder aufgebaut und wie prächtig die reichen Bürgerhäuser am Markt restauriert sind. Schon in dieser Stadtführung kam immer wieder zur Sprache, wie langenach den Gräueln des 2. Weltkrieges  die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland  sehr angespannt waren und wie mühsam der Weg zu einer Versöhnung zwischen den beiden Völkern war.

Diesen Aspekt vertieften wir am folgenden Tag, an dem wir die hoch interessante Ausstellung „Mut und Versöhnung“ auf dem Außengelände in Kreisau erarbeiteten. Ja, ein Labyrinth mussten wir durchlaufen, erläutert mit vielen Informationstafeln, die sich bemühen, der gemeinsamen Geschichte sowohl aus deutscher als auch aus polnischer Sicht gerecht zu werden. Nein, geradlinig war diese Geschichte sicher nicht!

Und dann stand noch der gemeinsame Besuch im Konzentrationslage Groß-Rosen an. Die Informationen über die Schrecken dieses Ortes bekamen wir jeweils in unserer Muttersprache in getrennten Führungen vermittelt. Und nun sollten wir einfach so wieder zusammen in den Bus einsteigen? Spontan beschlossen wir,  miteinander ein gemeinsames Zeichen der Versöhnung an diesem  so bedrückenden Ort zu setzen: Wir stellten uns in einem großen Kreis auf, immer abwechselnd  ein deutscher  und ein polnischer Schüler, und sprachen gemeinsam ein „Vater unser“ bzw. ein „Ojcze nasz“ – jeder in seiner Sprache. Auf dass so etwas Schreckliches nie mehr passieren möge!

Und nun bleibt der Rückblick: Was haben diese 6 Tage den Schülern wohl gebracht?

Ich habe die Hoffnung, dass sie selbstständiger geworden sind , dass sich ihr Horizont erweitert hat, dass diese Tage Mut gemacht haben, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen, dass sie nachdenklich gemacht haben, was unsere Geschichte angeht und dass vielleicht doch die eine andere Freundschaft entstanden ist – und sei es auch nur auf facebook. 
Martina Samociuk (Text & Bilder)