Murrhardter Zeitung vom 19.11.2015:
ES GILT, FÜR MÖGLICHST VIELE THEMEN ZU SENSIBILISIEREN
Präventionstag am Gymnasium: Im Fokus stehen unter anderem Gefahren und Auswirkungen von Extremismus, Gewalt, Mobbing und Drogen
Seit fünf Jahren widmet das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium der Prävention einen kompletten Vormittag. Die Klassen fünf bis zehn können sich bei Workshops, Vorträgen und praktischen Angeboten mit Themen beschäftigen, die einem das Leben verdammt schwer oder eben auch leichter machen können.


Anteilnahme im Heinrich-von-Zügel-Gymnasium: Gedenken an die Opfer von Paris. Foto: J. Fiedler

MURRHARDT (cs). Auf einer der oberen Geschossebenen ist vor dem Lehrerzimmer ein Tisch aufgebaut, an dem der zahlreichen Opfer des Terroranschlages von Paris und ihrer Angehörigen gedacht wird. Auf einem der Schilder steht: „Unser tiefes Mitgefühl gilt euch allen“, und es liegt ein schwarzes Buch neben den Kerzen, in das sich die Schüler eintragen können. Mit Blick auf diese schrecklichen Ereignisse scheint es umso wichtiger, sich so früh wie möglich um das Thema Prävention in einem umfassenden Sinne zu bemühen – insbesondere bei jungen Menschen. Dazu gehört beispielsweise auch das Thema (Rechts-)Extremismus, das beim Präventionstag am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium ebenfalls beleuchtet wird. Der Kreisjugendring bietet einen Workshop zum Thema „Waffen und Gewalt“ an, und die Landeszentrale für politische Bildung ist mit ihrem Team meX (Mit Zivilcourage gegen Extremismus) zu Gast. Als Schule ohne Rassismus hat sich das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium früh mit diesem Themenspektrum und der Präventionsarbeit befasst, ebenso gab es Projekte wie Stups oder Streitschlichter.


„Aber irgendwann wollten wir mehr Zeit haben und für alle Jahrgangsstufen etwas anbieten“, erzählt Heidelinde Richter. Die Deutsch- und Spanischlehrerin war von Anfang an mit dabei und hat nun mit weiteren Kollegen den fünften Präventionstag vorbereitet. Während die Jüngeren die Schülermitverantwortung, die Schulsanitätsgruppe sowie Patenschüler und ihre Arbeit kennenlernen und erlebnispädagogische sowie geschlechtsspezifische Angebote bekommen, können sich die Älteren mit Themen wie Mobbing, Drogen, Teamtraining, Medien, Extremismus sowie psychische Gesundheit bis hin zu Ausbildungsaspekten befassen. Für Heidelinde Richter hat die Mediennutzung in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. „Ich denke, das geht vielen Kollegen und Eltern so“, sagt sie. Denn vieles, womit sich die Kinder und Jugendlichen beschäftigen, bekommen die Pädagogen gar nicht mit. Deshalb hält sie es für besonders wichtig, ihren Schützlingen in dieser Hinsicht Informationen an die Hand zu geben. So können sie selbst einschätzen, wo es beispielsweise auch rechtlich für sie problematisch werden kann. Ähnlich beim Thema Mobbing: „Das läuft ja oft sehr subtil ab. Wenn wir dann etwas mitbekommen, ist die Sache oft schon eskaliert.“ Wer einmal gehört hat, was es für Möglichkeiten gibt, zu reagieren, tut sich leichter, auch wirklich zu handeln. „Wir möchten mit dem Tag für möglichst viele Themen sensibilisieren“, sagt Richter. Neu dazugekommen ist der Bereich psychische Gesundheit, mit dem sich die Zehntklässler beschäftigen. In einem Gebiet zwischen Psyche und Körper angesiedelt ist das Thema Anja Zinggrebes von der Landesapothekerkammer: „Doping für den Alltag“. Ihr Vortrag, bei dem sie die Schüler mit Fragen immer wieder einbezieht, ist spannend. Ausgangslage: Nicht nur der Leistungssportler ist versucht, sich mithilfe von Pillen und anderen Substanzen einen Vorsprung beziehungsweise ein glücklicheres Leben zu verschaffen. Manchmal spielen bei den Wünschen eher körperliche, äußerliche Faktoren eine Rolle wie gute Figur, reine Haut oder schönes, volles Haar, manchmal eher emotionale wie immer gut drauf sein oder von anderen begehrt werden. Als Apothekerin hat Anja Zinggrebe eine klare Botschaft: Wer sich entschließt, ein Mittel für oder gegen etwas einzunehmen, sollte um die Wirkungen des Präparats wissen. „Ohne Nebenwirkungen gibt es auch keine Wirkung. Die Frage ist, wie stark die Nebenwirkungen sind und ob ich mir das antun will.“ Bei Anabolika wie Testosteron sind die so drastisch, dass eine Einnahme jenseits einer medizinischen Indikation nicht sehr rational erscheint. Gemeinsam schauen sich die Schüler dann zwei Werbeanzeigen für Schlankmacher an. Die Neuntklässler haben schnell raus, dass die Sache zwar gut klingt, aber nicht genau erklärt wird, wie das eigentlich funktionieren soll. „Das Schema ist immer dasselbe. Die Sache geht angeblich mühelos und schnell.“ Dabei differenziert die Apothekerin durchaus: Manche Präparate haben eigentlich gar keine Auswirkungen aufs Abnehmen, während sie andere wie Appetitzügler als problematisch einstuft oder wieder andere wie Quellmittel auch durch ein Vollkornbrötchen ersetzt werden können. Nicht jedes Lifestyle-Präparat ist schädlich, manch eines wird aber durch eine gesunde Ernährung, die natürlich Zeit kostet, überflüssig. Insofern plädiert die Referentin fürs Nachdenken: Erst überlegen, was man da möglicherweise einnimmt, dann eine Entscheidung treffen.
Mit ermöglicht haben den Präventionstag durch finanzielle Hilfe die AOK Rems-Murr, der Kinderschutzbund, Power ohne Fäuste, das Aktionsbündnis Sicherer Landkreis Rems-Murr, der KJR Rems-Murr sowie der Elternbeirat und der Freundeskreis des Gymnasiums.